Vor zehn Jahren war ich in Nepal. Ich war 20 Jahre alt und arbeitete gemeinsam mit meinem Mann (damals noch mein Freund) als Freiwillige in einem Heim, das obdachlose und von ihren Familien verstossene Menschen aufnahm. Es war eine Zeit, die mich geprägt hat – nicht einfach, aber sehr lehrreich und unglaublich wertvoll. Dort lernte ich weniger über Armut als über Stärke. Weniger über Krankheit als über Würde. Und vor allem lernte ich, was Menschen tragen kann, auch wenn scheinbar nichts mehr stabil ist.
In dieser Zeit entstand in mir eine Frage, die bis heute präsent ist: Was gibt unserem Leben Sinn?
Die Begegnungen in Nepal
In diesem Heim lebten Menschen, die sehr wenig besassen. Viele hatten alles verloren: ihre Gesundheit, ihr Zuhause, ihre Familie. Und dennoch begegnete ich dort Menschen mit innerer Ruhe, Wärme und einer Form von Lebensfreude, die mich erstaunte. Sie hatten wenig, aber wirkten oft weniger gestresst als viele Menschen in unserem Alltag.
Gleichzeitig kenne ich die andere Seite: Menschen mit guter Ausbildung, sicherem Einkommen und stabilen Lebensverhältnissen – und trotzdem fehlt manchmal das Gefühl von Zufriedenheit oder innerer Stabilität.
Diese Erfahrung hat mir deutlich gemacht: Sinn entsteht nicht automatisch durch Erfolg oder materiellen Besitz. Sinn hat mehr mit innerer Ausrichtung, mit Verbindung zu anderen und mit Haltung zu tun – weniger mit Status oder äusseren Umständen.

Was wirklich zählt
Wahrer Sinn entsteht dort, wo wir Verbindung erleben – zu anderen Menschen, zu uns selbst oder zu etwas, das grösser ist als wir. Er zeigt sich nicht immer in grossen Lebensentscheidungen. Oft liegt er im Kleinen: im respektvollen Umgang, im Zuhören, in einer einfachen Geste, wenn sich jemand Zeit nimmt.
Sinn entsteht, wenn wir uns gesehen fühlen – und wenn wir andere sehen.
Das ist in jedem Lebensbereich wichtig – und besonders spürbar in der Nachtarbeit.
Nachtarbeit und die Frage nach Sinn
Wenn ich heute über Nachtarbeit schreibe oder nachdenke, taucht die Frage nach Sinn immer wieder auf. Viele, die in Pflege, Betreuung, Medizin oder Sicherheitsdiensten tätig sind, arbeiten nicht nur wegen des Lohns.
Natürlich ist der finanzielle Aspekt bedeutend – aber häufig gibt es einen inneren Grund, warum gerade dieser Beruf gewählt wurde.
Wir übernehmen Verantwortung, sind für andere da, beruhigen, begleiten – oft im Hintergrund und oft unbemerkt. In der Nacht ist vieles stiller, aber gerade diese Stille ist ehrlich. Sie zwingt uns nicht selten dazu, über unser Leben nachzudenken – und sie macht deutlich, was wirklich wichtig ist.

Warum Nachtarbeit uns den Sinn suchen lässt
Die Nacht verändert unseren Rhythmus – und oft auch unsere Gedanken. Wenn wir nachts arbeiten, erleben wir den Tag anders als die meisten Menschen. Wir schlafen, wenn andere aktiv sind. Wir sind wach, wenn die Welt ruht. Das soziale Leben verändert sich, der Körper reagiert empfindlicher, und unsere Gedanken werden manchmal lauter als gewohnt.
Viele berichten, dass sie im Nachtdienst emotional wacher werden – nicht immer freiwillig. Müdigkeit, Verantwortung und Stille führen dazu, dass Fragen auftauchen:
Was tue ich hier? Warum fühlt sich manches so schwer an? Was gibt mir Halt?
Wenn uns eine klare innere Orientierung fehlt, kann Nachtarbeit zermürbend sein.
Doch mit Klarheit und Selbstfürsorge kann sie auch eine Chance sein:
eine Chance, Prioritäten neu zu sortieren, Grenzen zu erkennen und auf die eigene Gesundheit wirklich zu achten. Das hat nichts mit Idealismus zu tun – sondern mit Notwendigkeit, um langfristig gesund zu bleiben.
Was wir daraus gewinnen können
Die Zeit in Nepal und meine Erfahrungen in der Pflege zeigen mir bis heute dieselbe Frage: Wie finden wir Stabilität und Orientierung, wenn unser Leben herausfordernd ist? Die Antwort ist nicht perfekt – aber sie wird klarer:
Wir brauchen echte Verbindung statt ständiger Ablenkung.
Wir brauchen Liebe statt Perfektion.
Und wir brauchen einen Grund, aufzustehen – auch wenn unser Tag erst am Nachmittag beginnt.
Nachtarbeit kann belastend sein, aber sie kann auch ein Ort werden, an dem wir unsere Werte klarer erkennen. Ich habe über die Jahre gelernt: Wer Sinn im Kleinen erkennt, bleibt oft stabiler im Grossen.
Es geht nicht darum, jeden Moment bedeutungsvoll zu gestalten – aber es macht einen Unterschied, ob wir bewusst arbeiten… oder nur funktionieren.
Was du persönlich prüfen kannst
Viele, die nachts arbeiten, stellen sich irgendwann die Frage: Wie lange halte ich das so durch? Was brauche ich wirklich? Was gibt mir Kraft?
Diese Fragen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Zeichen von innerer Wachheit. Genau hier beginnt Veränderung. Und sie muss nicht radikal sein. Sie beginnt oft mit kleinen Anpassungen: mit einer Routine vor dem Schlafen, einem bewussteren Essen, einem echten Gespräch oder einem Gedanken, der trägt.
Du musst nicht jetzt alle Antworten kennen. Aber du darfst prüfen, ob dein Leben gerade zu dir passt – und ob es dich langfristig stärkt. Es ist nicht egoistisch, nach Sinn zu fragen. Es ist verantwortungsvoll. Erst wenn du dich selbst stabilisierst, kannst du auch andere gut begleiten.
Ein Schlussgedanke
Nachtarbeit zeigt, wie empfindlich der menschliche Rhythmus ist – aber auch, wie kraftvoll wir sein können, wenn wir uns bewusst ausrichten. Sinn entsteht nicht nebenbei. Er wächst durch unsere Aufmerksamkeit – und er beginnt oft dort, wo wir wahrnehmen, was uns trägt, auch mitten in Müdigkeit, Verantwortung und Schichtdienst.
Wenn du möchtest, nimm dir heute einen Moment und frag dich: Nicht nur „Wie halte ich das aus?“, sondern: „Was trägt mich wirklich?“
Diese Frage allein kann viel bewegen. Vielleicht ist sie der erste Schritt zu einem arbeits- und lebensfreundlicheren Rhythmus.
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken teilst. Du bist nicht allein – und Nachtarbeit muss kein blinder Fleck sein. Wir dürfen sie gestalten. Gemeinsam.
Alles Gute,
deine Simone

