Meine Erfahrung mit der Nachtarbeit: Wie ich an meine Grenzen kam und daraus lernte

Als ich das erste Mal eine Nachtschicht antrat, hätte ich nicht gedacht, wie sehr diese Arbeit mich herausfordern und verändern würde. Ich erinnere mich noch gut an jene Abende, an denen mir der Abschied schwerfiel. Ich weinte oft, bevor ich zur Arbeit ging, weil ich mich innerlich leer und überfordert fühlte. 

Mein Freund konnte mich kaum trösten. Ich wollte nicht aus dem Haus gehen, nicht hinaus in die Dunkelheit, während andere schlafen durften. Trotzdem musste ich, denn mein Dienst als Fachfrau Gesundheit begann um 22 Uhr.

Ich arbeitete in einem Altenheim, in dem ich als Dauernachtwache angestellt war. Drei bis fünf Nächte am Stück, meist im 80-Prozent-Pensum, zusammen mit einer Pflegeassistenzperson. Dennoch trug ich die Hauptverantwortung für mehr als 80 Bewohnerinnen und Bewohner. 

Ich war 24 Jahre alt, zwar ausgebildet, aber beruflich noch unerfahren in dieser Form der Arbeit. Diese Verantwortung wog schwer, körperlich, psychisch und emotional.

Mit 21 begann ich das Theologiestudium und zog dafür in eine andere Stadt. Während der Semesterferien arbeitete ich regelmässig, um mein Studium und den Lebensunterhalt zu finanzieren. Diese Kombination aus Studium und Arbeit war anspruchsvoll. 

Die Pflegearbeit war körperlich und emotional fordernd, das Studium geistig intensiv. Rückblickend war ich permanent im Leistungsmodus, motiviert, aber ohne ausreichende Erholung.

Als ich mit 24 die temporäre Stelle im Nachtdienst annahm, war das eigentlich als Übergangslösung gedacht. Zwei Monate, um Geld zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln. Ich ahnte nicht, dass diese Entscheidung mich an meine Grenzen bringen würde.

In der Theorie wusste ich, was Nachtschichten bedeuten. In der Praxis erlebte ich jedoch, wie stark sie den Körper und die Psyche beeinflussen können. Der Rhythmus verschob sich vollständig: Wach in der Nacht, schlaflos am Tag, kaum Sonne, wenig soziale Kontakte. Mein Körper reagierte mit Müdigkeit, Traurigkeit und Konzentrationsproblemen.

Hinzu kam die emotionale Belastung. In der Nacht sind die Pflegesituationen anders, ruhiger, aber auch intensiver. Es gibt Momente, in denen man sehr allein ist mit den eigenen Gedanken und den Sorgen der Menschen, für die man verantwortlich ist. 

Ich spürte, wie mich diese Mischung aus Verantwortung, Isolation und fehlendem Schlaf zunehmend erschöpfte.

Nach einigen Wochen war ich körperlich ausgezehrt und innerlich leer. Ich begann, an mir zu zweifeln: Warum halte ich das nicht besser aus? Andere schaffen es doch auch. 

Erst später verstand ich, dass mein Körper mir klare Signale sendete. Es war kein persönliches Versagen, sondern eine natürliche Reaktion auf eine extreme Belastung, für die ich keine Strategien hatte.

Dieser Abschnitt meines Lebens war einer der herausforderndsten und zugleich ein Wendepunkt. Ich wurde gezwungen, mich mit Themen auseinanderzusetzen, die ich bis dahin verdrängt hatte: mit Grenzen, Selbstfürsorge und dem Unterschied zwischen Funktionieren und Leben.

Ich begann zu begreifen, dass Gesundheit mehr bedeutet als das Fehlen von Krankheit. Sie umfasst auch seelische Stabilität, emotionale Balance und Selbstwahrnehmung. Ich hatte gelernt, für andere zu sorgen, aber nicht für mich selbst.

Heute sehe ich: Dieser Tiefpunkt war notwendig, um mein Bewusstsein zu verändern. Er hat mich gelehrt, achtsamer mit mir umzugehen, meine Bedürfnisse ernst zu nehmen und mein Leben neu auszurichten.

Die Nachtarbeit hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, auf Signale von Körper und Seele zu hören. Ich habe verstanden, dass Erschöpfung kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine Botschaft. 

Wer dauerhaft gegen seinen biologischen Rhythmus lebt, braucht umso mehr Stabilität, klare Strukturen und Momente der Erholung. 

Aus dieser Erfahrung entstand mein Wunsch, mein Wissen zu teilen. Heute möchte ich dir und anderen Nachtarbeitenden Wege aufzeigen: wie du dich besser schützen kannst, deine Gesundheit langfristig erhalten magst, und dabei auch glücklich sein darfst. Aber nicht durch grosse Umwälzungen, sondern durch bewusste, realistische, manchmal auch ganz kleine Schritte.

…sie kann auch ein Raum sein, in dem wir lernen, auf uns zu achten und unsere innere Stärke zu entwickeln. Rückblickend war diese Zeit schwierig, aber sie war auch eine wertvolle Lehrzeit. Sie hat mir gezeigt, dass die eigenen Grenzen immer auch eine Einladung zur Veränderung sein können.

Ohne diese Erfahrungen hätte ich viele Zusammenhänge zwischen Körper, Seele und Arbeit nicht so tief verstanden.

Sondern eine Grundvoraussetzung für Gesundheit. Besonders in Berufen, in denen wir viel geben. Ich habe gelernt, dass es in Ordnung ist, Grenzen zu haben und sie zu kommunizieren. Das hat mich nicht schwächer, sondern stärker gemacht.

Diese Erkenntnisse bilden heute die Grundlage meiner Arbeit, meines Schreibens und meiner Haltung. Ich möchte dir und vielen Menschen Mut machen, offen über die Realität der Nachtarbeit zu sprechen: über Überforderung, Einsamkeit, Müdigkeit, Schlaf- und Essprobleme, aber auch über Wege, mit diesen Belastungen umzugehen.

Wenn du selbst in der Nacht arbeitest und dich oft an deine Grenzen gebracht fühlst, möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. 

Mit diesem Blog begleite ich dich durch die dunkeln Stunden der Nacht und hoffe, dir ein Licht der Hoffnung anzuzünden.

Herzlich, deine Simone


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